Köln (dpa): Beim Bau der Kölner U-Bahn ist in noch größerem Ausmaß gepfuscht worden als bisher bekannt. Am Freitagnachmittag durchsuchte die Kölner Staatsanwaltschaft Räume der Arbeitsgemeinschaft, in der die am U-Bahn-Bau beteiligten Firmen zusammengeschlossen sind. Diesen Artikel weiter lesen
Dabei seien umfangreiche Unterlagen sichergestellt worden. Es gebe den Verdacht, «dass Anker nicht oder falsch eingebaut worden sind», sagte Oberstaatsanwalt Günther Feld. Die Vorwürfe beziehen sich möglicherweise nicht nur auf Kölner Bauvorhaben, sondern auch auf die ICE-Strecke München-Nürnberg, an der dieselben Firmen beteiligt waren. «Einzelheiten kann ich nicht nennen», sagte Feld.
Zudem wurde am Freitag bekannt, dass weitere Bauprotokolle für zwei unterirdische Baustellen manipuliert worden sein sollen. Das teilten die Staatsanwaltschaft und die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), Bauherrin des Milliarden-Projekts, mit. Damit betrifft der Vorwurf der Schlamperei und krimineller Machenschaften nun schon fünf der insgesamt acht neu entstehenden Bahnhöfe der Nord-Süd-Stadtbahn. Parallel zu den neuen Enthüllungen meldete eine Zeitung, der stark unter Druck geratene federführende Baukonzern Bilfinger Berger suche einen neuen Vorstandschef.
An der größten U-Bahn-Baustelle, am Heumarkt in Rhein-Nähe, werden als Folge der Mängel derzeit umfangreiche Sicherungsmaßnahmen getroffen, um die Baugrube vor drohendem Hochwasser zu schützen. Die Sorge der Anwohner wächst. Ab dem Wochenende soll der Pegel steigen.
Oberstaatsanwalt Feld sagte, auch wenn die Ermittlungen nun ausgeweitet worden seien, werde man «in Sachen Eisenbügel und Messdaten-Manipulation» relativ schnell zu einer Aufklärung kommen. Die zweifelhaften Protokolle sollen sich untereinander verdächtig ähneln oder nahezu identisch sein. Stabilisierende Eisenbügel in den Baugruben sollen in großem Umfang nicht eingebaut, sondern stattdessen zum illegalen Verkauf abgezweigt worden sein.
Ermittelt wird gegen etwa ein Dutzend Verdächtigte, auch Beschäftigte von Bilfinger Berger. Erst am Donnerstag hatte der Konzern offensive Aufklärung versprochen, nun sucht er laut «Financial Times Deutschland» bereits einen Nachfolger für seinen Chef Herbert Bodner. Ein Konzern-Sprecher sagte dazu auf Anfrage lediglich: «Wir werden uns an diesen Spekulationen sicherlich nicht beteiligen.» Bodners Vertrag läuft dem Bericht zufolge allerdings erst Mitte 2011 aus.
Der Bilfinger-Sprecher betonte, man werde bei Bedarf auch weitere Bauprojekte untersuchen. Derzeit gebe es aber keine Hinweise, dass auch auf anderen Baustellen im Bundesgebiet manipuliert worden sei. Angesichts der wachsenden Vorwürfe engagierte der Konzern den Frankfurter Juristen Hanns Feigen als Rechtsvertreter, wie ein Konzernsprecher bestätigte. Feigen hatte bereits den einstigen Infineon-Chef Ulrich Schumacher und Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel vertreten und ist auch Anwalt des früheren Porsche- Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking.
Der Wirtschaftskriminalist Uwe Dolata meinte, der Kölner Fall sei ein Beleg für die immer drastischeren Auswirkungen von Korruption. «Einsturzgefahren, bröckelnder Beton, gesperrte Brücken - all das sind Folgen von Schmiergeld und Kungelei», sagte der Würzburger Fachmann für Korruption der dpa. Die Baubranche sei über Jahrzehnte hinweg besonders anfällig für Korruption gewesen, weil dort das meiste Geld geflossen sei. «Da ist viel Geld unterwegs und die öffentliche Hand sehr häufig der Auftraggeber.» Unternehmen wie Bilfinger Berger gehe es vor allem um eines: «Aufträge heranklotzen um jeden Preis.»
An einem der U-Bahn-Schächte war das Stadtarchiv am 3. März 2009 eingestürzt. Hier ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt, da zwei Menschen ums Leben kamen. Am kommenden Montag sollen nach Verzögerungen die Böschungen an der Einsturzstelle mit Spritzbeton befestigt und gesichert werden, um an die letzten fünf bis zehn Prozent der noch nicht geborgenen Archivalien heranzukommen.